
Liebe Schwestern, liebe Brüder!
Heute wäre das Hirtenwort von Bischof Benno zu verlesen. Anstatt dessen hat nun Pfr. Rainer mich gefragt, eine Fastenpredigt zu halten. Sagt es halt nicht dem Bischof weiter … Das Hirtenwort kann jedenfalls im Kirchenblatt und online nachgelesen werden.
Ein kleine Junge. Eben ist er zur Erstkommunion gekommen. Behütetes Elternhaus, abends wird gebetet. Das Tischgebet kennt er von den Großeltern, den Rosenkranz von seltenen Gelegenheiten. Sonntags geht Familie aber immer in die Kirche. Nach einer solchen Messe frägt der Pfarrer warum er nicht bei Ministranten angemeldet wäre. „Zu viel Aktivitäten“, sagt die Mutter. „Wer wenn nicht er wird Mini!“ antwortete der Pfarrer. So kam der Junge zu den Minis. Dort stellten sich ihm fragen: Wo ist Gott? Sieht man ihn bei der Wandlung von der Decke kommen? Ist er in der sich wärmenden Handfläche, wenn die Hände gefaltet sind? Fragen eines Achtjährigen, die sich zu entwickeln begonnen haben, ihn auf den Weg brachten und mich heute als euer Kaplan vor euch stehen lassen. Ja dieser Junge, der ums Haar kein Ministrant wurde, ist heute Priester.
Diese Fragen die sich mir damals schon stellten, bleiben aktuell. Bis heute habe ich nur gute Theorien und Annäherungen, die mir auf dem Weg begegnet sind. Eben auf diesem WEG.
Jesus ist der WEG (die Wahrheit und das Leben). Und auf diesen Weg habe ich mich gewagt. Erfahren habe ich diesen Gott auf vielfältige Weise v. a. in der Natur und der Musik und der Begegnung mit Menschen vor allem auch in meiner Familie. Er ist gegenwärtig. Er ist mir begegnet, begegnet mir und wird mir begegnen. Und das überraschend. Denn Gott wäre kein lebendiger Gott und mein Glaube tot, wenn er mir immer wieder und auf die gleiche Weise begegnet.
Gott ist ein Gegenwärtiger. Gegenwärtig in seiner ganzen Schöpfung! Er schuf den Kosmos, der zum dankbaren Staunen einlädt, weil er so überwältigend groß ist und so beinahe übersehbar klein. Gott schuf den Kosmos in dem die Kleinsten, die Atome, die größte Rolle spielen. Wie oft lädt mich mein Gott zum Staunen ein. Zum absichtslosen Staunen, das in Anbetung mündet. Da habe ich es mit Joseph Haydn: Er blickte bei der Englandreise durchs Teleskop des Sir William Herschel und stammelte gebannt: „So groß, so groß“. Daraufhin habe er sein Meisterwerk „Die Schöpfung“ geschrieben, das ich euch nur anempfehlen kann, in der Fastenzeit anzuhören. Gönnt euch diese 1 ½h!
Mit Haydn teile ich diese Erfahrung: Staunen über die Schöpfung. Firmament, Pflanzen, Blumen, Tiere, Organismen, Ökosysteme, Meteorologie, Dynamiken, Prozesse und Abläufe, Und die Menschen, die er schuf. Jeden mit seiner Eigenart, mit positiven und negativen Eigenschaften. Und auch die Kunst, die Technik, die Wissenschaften … in allem, was seine Intention der Schöpfung widerspiegelt, ist er gegenwärtig! Alles was ist, gründet in ihm. In allem kann seine Gegenwart wahrgenommen werden. Auch in mir, auch in uns! Er rief alles und uns alle ins Sein und ist in allem gegenwärtig. Er ist unser Gott! Der Gott, der uns in allem begegnen möchte.
Ich erfahre Gott weiters als verantwortungsbewusst. Er nimmt die Verantwortung gegenüber seiner Schöpfung wahr, die ins Ungleichgewicht verfiel und die ursprüngliche Schönheit und Unbeschwertheit teilweise verlor. Es ist auch so: Dieselbe Sonne, die an Wintertagen wie heute abgeht, verfluchen wir im Sommer bei Hitze und Dürre. Dasselbe Wasser, das lebensnotwendig ist, wird zerstörerisch beim Hochwasser. Vom Menschen generierter Streit und Krieg ganz zu schweigen. Seine Schöpfung wurde immer mehr unfähig, seine Gegenwart zu zeigen. Sie verschleiert sie. Gott ist das nicht egal, er sendet Jesus! Gott nahm die Verantwortung gegenüber seinem Schöpfungswerk wahr. In Jesus wurde Gott unser Bruder und Freund, unser Herr und Gott. Der Himmel beugte sich zum Kleinen herab, da er selber nicht hinauflangen konnten. (Christine Lavant) Gott hat Erlösung gebracht, für alle. Unser Gott hat uns erlöst!
Diese Erlösung, auf die wir uns in der Fastenzeit vorbereiten, durfte ich schon vielfach erfahren. Ich bin nämlich wie alle Getaufte ein Begnadeter. Die Gnade Gottes, das unverdiente Geschenkt seiner Nähe, ist für mich und für dich!
Gott ist vor allem eines beschenkend und großzügig.
Das Leben: Von ihm geschaffen und kontinuierlich erhält er es auch. Er beschenkt uns reichlich! Öffnet eure Augen um die Geschenke um euch wahrzunehmen! Schaut nicht auf das Defizitäre, das Mangelnde, was alles fehlt. Schaut auf das was geschenkt ist. Macht es wie auch in einem Internat: Da gab es Äpfel und Kekse im Speisesaal. Vor die Kekse schrieb die Schulschwester „Nimm nur einen! Gott sieht alles!“ Bei den Äpfeln schreibt ein Schüler hin „Nimm soviel du willst, Gott überwacht die Kekse“.
Sind wir also dankbar für die Äpfel, die uns bereitgestellt sind. Wir sollen dankbar für das sein, was ist, unabhängig von dem, was sein könnte! In dieser Fastenzeit kann seine Gegenwart neu erfahren werden. Lassen wir uns das ja nicht entgehen! Bereiten wir uns vor mit Fasten, Almosen, Beten und Beichten, damit dieses Ostern ein Fest wird für Leib und Seele. Ein Fest, an dem wir neu erfahren, wie unser Gott ist.
Aus meinem Griechischunterricht habe ich vor allem eines mitgenommen: πιστις (pistis) heißt Glaube und Vertrauen. Es ist aufeinander bezogen. Gottvertrauen ist Glaube. Am Ende der heutigen Messe werden Kreuze ausgeteilt. Es ist das Zeichen der Liebe, die so groß ist, wie nichts auf der Welt. So groß, dass sie bereit ist das eigene Leben hinzugeben. Diese Liebe, die Gott selber ist, zeigt sich uns in dieser Welt. Denn ER ist da. Überraschend, beschenkend, großzügig.
Amen.